20 Jan 2011

Reizschwache Kunst? Zur Ausstellung von Igor Eskinja.

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(Auszug einer Rede anläßlich der Eröffnung der Ausstellung von Igor Eskanja: Inhabitants of Generic Places im Tresor der Bank Austria - Kunstforum)

Vor kurzem bin ich im manchmal unterschiedslosen Flimmern des virtuellen Raumes über einen Blogbeitrag in filmfeder gestolpert, der sich mit den sgn. Digital Natives und deren Kunstverständnis auseinandersetzt. Unterstellt wurde darin, dass deren Reizschwelle für die Wahrnehmung von Kunst und Kultur erheblich höher sei, als dies bei ihrer Elterngeneration der Fall war. Ein erhobener Zeigefinger also gegen Künstler, Kuratoren und Ausstellungsverantwortliche. Und wieder einmal ist ein neues, ich gebe gerne zu, naives Gegensatzpaar aufgetaucht: nämlich reizstarke versus reizschwache Kunst.

Es soll also, so die Aufforderung des Autors, nach Wegen gesucht werden, um  sgn. "reizschwache Kunst wie etwa in Rahmen gefangene Gemälde auf einem für das digital native Auge reizvollen Weg zu präsentieren.“ Kunst könnte, so die Meinung des Autors durch Transmediales Storytelling, Augmented Reality und andere Vermittlungsmethoden in reizstarke Kunst verwandelt werden. „Da die Reizschwelle dieser Rezipienten erheblich höher ist/sein wird, werden auch die herkömmlichen Aufbereitungsmethoden von Kunst grundlegend reformiert werden müssen“.

Sie, wertes Publikum, sind mit Recht skeptisch, vor allem dann, wenn Sie sich in diesem von Igor Eskinja gestalteten Raum umsehen. Abgesehen davon, dass vom Autor des von mir angeführten Blogs offenbar der künstlerische Prozess mit dessen Produkt und dem Vermittlungsprozess desselben verwechselt werden; abgesehen davon, dass der Autor der Gruppe der nach 1980 geborenen Kunstinteressierten kollektiv Wahrnehmungsschwäche unterstellt und abgesehen davon, dass ich mit diesen Bemerkungen keinesfalls eine Polemik gegen moderne Formen der Kulturvermittlung führen will, sei eines dann doch an dieser Stelle gestanden:

Mir sind bei der an mich so herangetragenen Entscheidung für reizstarke oder reizschwache Kunst sogleich die Arbeiten von Igor Eskinja eingefallen und, jetzt lassen sie mich durchaus persönlich werden, auch meine tiefe persönliche Abneigung gegenüber Barockem, Buntem, Lautem, Überbordendem. In aller Besessenheit lassen Sie mich sagen: Der Raum etwa, den die Begrenzungen eines Buches herstellen – er muss klar und streng befüllt sein mit starken Buchstaben, um überhaupt Bedeutung generieren zu können. Der Wohnraum, und sei er noch so begrenzt, muss Raum geben, um den einzelnen Gegenständen und seinen BewohnerInnen Bedeutung zu verschaffen. Das Buchregal darf wiederum nur das beherbergen, was wichtig ist und auf das fokussiert wird. Ich glaube fest daran: wohlgewählte Askese kreiert mehr an Idee als Überfluss - zumindest im Bereich des Denkens, der Vorstellung und des Ausdrucks.

Das sei einmal so in den Raum gestellt: nämlich dass das Sparsame, Klare und sich selbst Beschränkende uns mehr geistigen Raum zu verschaffen imstande ist. Parallel taucht die Frage auf: Ist Sparsamkeit, Klarheit, Eindeutigkeit und die Entscheidung zu wenig Farbe auch gleichbedeutend mit Reizschwäche? Wenn die Linien so im Raum sich verorten, wie man es –beinahe- gewohnt ist und nur ein wenig von der Erfahrung abweichen: nimmt man diese dann nicht wahr? Oder lebt der tiefe und nachhaltige Eindruck, den die Arbeiten Igor Eskinja auf ihren Betrachter und ihre Betrachterin ausüben, nicht gerade davon, dass die Reize so sparsam gesetzt sind, so spezifisch im Raum verortet sind, und sich trotzdem so sehr mit uns verbinden? Liegt die Stärke dieser Kunst nicht gerade darin, durch sparsame Impulse gegen das Gewohnte, gegen die routinisierte Raumerfahrung anzukämpfen? Generiert nicht gerade das Wenige ein Trommelfeuer an Wahrnehmungen in uns? Ist forcierende und damit KünstlerInnen wie auch RezipientInnen unterschätzende Kulturvermittlung hier nötig und angemessen?

Ich lasse Sie mit diesen Fragen gern alleine.